Visuelle Rundumversorgung mit 360-Grad-Kameras  

Visuelle Rundumversorgung mit 360-Grad-Kameras

Fotografen kennen Fischaugen – als extreme Weitwinkelobjektive. Sie besitzen einen Bildwinkel von meist 180°, von den Fußspitzen bis zum Haaransatz, von einem ausgestreckten Arm bis zum anderen. Die 360°-Kamera geht noch weiter: Sie sieht außerdem, was hinter Ihrem Rücken passiert. Wie ist das möglich? Entdecken Sie hier die verschiedenen Arten von 360°-Kameras.

Die 360°-Alternativen

Es gibt vier verschiedene Möglichkeiten, vollsphärische 360°-Panoramen aufzunehmen. Die erste können Sie mit praktisch jeder Kamera nutzen: Befestigen Sie Ihre Kamera mit geeigneten Panoramaköpfen (Nodalpunktadapter, Gimbal) auf einem Stativ, dann können Sie nacheinander den gesamten Raum so ablichten, dass sich die einzelnen Bilder praktisch nahtlos aneinanderfügen lassen. Nachteilig ist, dass Sie die Teilbilder nur mit zeitlichem Versatz aufnehmen können und sich die Szenerie dabei mehr und mehr verändern kann.

Die anderen drei Möglichkeiten sind:

  • 360°-Panoramaobjektive
  • Ein Januskamera-Design mit zwei Kameramodulen, Rücken an Rücken, jeweils mit einem 180°-Fischaugenobjektiv ausgestattet.
  • 360°-Kameras mit sechs oder mehr Kameramodulen, die jeweils ein bestimmtes Raumsegment erfassen.

360° – optisch oder digital?

360°-Panoramaobjektive kamen vor etwa 50 Jahren auf und blieben lange die einzige Möglichkeit, mit nur einer Aufnahme praktisch den gesamten Raum zu erfassen. Wo sie an der Kamera sitzen, haben sie allerdings einen „Blinden Fleck“. Mit Panoramobjektiven lassen sich also genau genommen keine hundertprozentig echten 360°-Kameras bauen. Warum ist das bei anderen 360°-Kameras anders?

Eine Digitalkamera ist im Prinzip ein kleiner, spezialisierter Computer, der mit jeder Kamerageneration leistungsfähiger wird. Die Prozessoren aktueller 360°-Kameras sind fähig, während der Aufnahme die Einzelbilder mehrerer Module zu einem Gesamtbild zusammenzusetzen. Dadurch scheint es, als hätte die Kamera nur ein einziges Panoramafoto erzeugt. Eine Januskamera mit ihren zwei Objektiven nimmt nur zwei Teilbilder auf – wie die Ricoh Theta S, die gerade erschienene Samsung Gear 360 oder die angekündigte Nikon KeyMission 360.

Vom runden Fischaugenblick zum rechteckigen 360°-Panoramafoto

Ein Foto in Fischaugenperspektive ist zunächst kreisrund, Objekte in der Nähe der Mitte erscheinen stark vergrößert und werden zum Rand hin immer kleiner. Damit Sie zwei solche Teilbilder zu einem 360°-Panorama zusammensetzen können, müssen Sie die perspektivische Verzeichnung zuerst beseitigen. Diese Aufgabe erledigt der Prozessor in der 360°-Kamera und liefert Ihnen ein gewohnt rechteckiges Foto. Fisheye-Objektive sind mit ihren extrem kurzen Brennweiten von 4,5 bis 15 mm für die 360°-Fotografie auch deshalb so beliebt, weil man mit ihnen nicht so viele Einzelbilder schießen muss wie mit längeren Brennweiten.

Mit einem Fischaugenobjektiv von acht Millimetern Brennweite auf einer Kamera mit Vollformatsensor benötigt man drei Aufnahmen, um daraus ein 360°Panoramabild zu erstellen. Bei einem 14-mm-Weitwinkelobjektiv sind es bereits sieben Aufnahmen, und mit einem 50-mm-Standardobjektiv müssen ganze 20 Aufnahmen gemacht werden, um diese nachträglich am Rechner zu einem Panoramamotiv zusammenzufügen. Vielen dürfte dieser Aufwand während der Nachbearbeitung zu groß sein.

Neue Systeme mit mehreren Kameramodulen

Bei eigens für die 360°-Fotografie konstruierten Kamerasystemen hingegen ist das Zusammensetzen von Panoramaaufnahmen umso einfacher, je mehr Teilbilder die 360°-Kamera aufnimmt, weil die perspektivischen Unterschiede abnehmen. Das nutzt die 360°-Panono Ball Camera, die mit ihren 36 Objektivlöchern aussieht wie ein grün gestreifter, schwarzer Golfball. Man kann sie einfach in die Luft werfen, und am höchsten Punkt lösen die Kameramodule dann aus. Alternativ kann man die Panono auch auf einen Selfie-Stick oder ein Stativ stecken.

Die Panono kann per Smartphone-App angesteuert werden und kostet derzeit zirka 1.500 Euro. Wem das zu kostspielig ist, kann sich in bester DIY-Manier selbst behelfen: Mit etwas Eigeninitiative lassen sich alternativ sechs Actioncams in einem handelsüblichen 360°-Kamera-Rig zusammenmontieren. Oder man baut seine 360°-Kamera komplett selbst, beispielsweise aus sechs Raspberry Pi-Einplatinencomputern, von denen jeder mit einem Kameramodul versehen wird.

Profigerät für VR-Reality-Aufnahmen

Wegweisende High-End-Multi-Modul-Kameras wie beispielsweise die Nokia Ozo trifft man vor allem im Profi-Segment an. Das verwundert kaum – der Preis einer solchen Kamera liegt derzeit bei etwa 60.000 US-Dollar. Die etwa 4,2 kg schwere Ozo hat das Erscheinungsbild einer frei im Raum schwebenden Kugel. Sie wird über einen kleinen Arm in die Höhe gehalten und besteht im Wesentlichen aus acht Kameras und ebenso viel Mikrofonen. Mit ihr ist es möglich, sowohl Bild als auch Ton in 3D aufzunehmen – super geeignet für Virtual-Reality-Brillen wie die HTC Vive oder die Oculus Rift. Jede der acht integrierten Optiken hat einen Bildwinkel von 195°, die zusammen ein 360°-Bild erschaffen.

Die Filme, die mit einer Kamera wie der Ozo gedreht werden können, benötigen natürlich reichlich Speicherplatz: Deshalb ist sie auch mit einer wechselbaren SSD-Festplatte ausgestattet, die 500 Gigabyte groß ist. Das reicht für ungefähr 45 Minuten Videomaterial. Wer die Speicherkapazität der Kamera erweitern will, kann dies mit einem weiteren Speichermodul tun, was aber nochmals mit einigen tausend US-Dollar zu Buche schlägt. Nachbearbeitet wird das mit der Ozo aufgezeichnete Filmmaterial auf der Mac-OS-Systemplattform.

Bildquelle: www.reichelt.de

 

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Eine Antwort zu “Visuelle Rundumversorgung mit 360-Grad-Kameras”

  1. Walter Gedigk sagt:

    Ich bin begistert

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